Der Waqf ist eine Stiftung, mit der ein Eigentümer einen Vermögenswert wie ein Grundstück, ein Gebäude oder einen Geldbetrag dauerhaft bindet, damit dessen Erträge bestimmten Begünstigten oder einem wohltätigen Zweck zugutekommen, ohne dass das Kapital verkauft oder verschenkt werden darf.
Gebundenes Kapital, verteilte Früchte
Das Prinzip geht auf einen dem Propheten zugeschriebenen Ausspruch über Land in Khaybar zurück: den Grundstock festhalten und den Ertrag verschenken. Der Stifter gibt das Eigentum auf; das Gut ist weder vererbbar noch veräußerbar, verteilt werden nur Mieten, Ernten oder Gewinne.
Gemeinnütziger Waqf oder Familien-Waqf?
Der Waqf khayri dient von Anfang an einem öffentlichen Zweck: Moschee, Schule, Ambulanz oder Brunnenpflege. Der Waqf ahli begünstigt zuerst die Nachkommen des Stifters, der wohltätige Zweck folgt erst nach dem Erlöschen der Linie. Mehrere Staaten haben diese zweite Form eingeschränkt.
Bedingungen des Stifters in der Urkunde
Die Stiftungsurkunde, Waqfiyya genannt, bestimmt Vermögen, Begünstigte, Verwalter und Reihenfolge der Ertragsverteilung. Juristen vergleichen die Klauseln in ihrer Verbindlichkeit mit Gesetzestexten: Der Verwalter darf nur abweichen, wenn ihre Ausführung unmöglich wird.
Darf ein unproduktives Waqf-Gut ersetzt werden?
Der Istibdal erlaubt, ein beschädigtes oder ertragloses Gut gegen ein mindestens gleichwertiges zu tauschen. Die Rechtsschulen streiten über die Reichweite, die Hanafiten sind am großzügigsten; meist genehmigt ein Richter oder eine Awqaf-Behörde den Tausch, um Missbrauch zu verhindern.
Der Mutawalli als Hüter und Verwalter der Stiftung
Der Verwalter, Mutawalli oder Nazir genannt, vermietet die Güter, zieht Erträge ein, bezahlt die Instandhaltung und schüttet an die Begünstigten aus. Er handelt als Treuhänder, haftet für fahrlässig verursachte Verluste und darf das Gut weder belasten noch privat nutzen.
Awqaf-Behörden und staatliche Aufsicht
In vielen Ländern registriert ein Ministerium oder eine öffentliche Awqaf-Behörde die Stiftungen und überwacht die Verwalter. In Malaysia sind die islamischen Religionsräte der einzelnen Bundesstaaten alleinige Treuhänder; in Singapur übernimmt der Majlis Ugama Islam Singapura diese Rolle.
Was der AAOIFI-Scharia-Standard zum Waqf regelt
Der AAOIFI-Standard zum Waqf behandelt stiftungsfähige Vermögenswerte, die Befugnisse des Nazir, die Anlage des Vermögens und die Ertragsverteilung. Er lässt insbesondere Stiftungen von Bargeld, Aktien und anderen Rechten mit anerkanntem Wert zu.
Den Verwalter bezahlen, ohne die Erträge auszuhöhlen
Der Nazir erhält eine vom Stifter oder ersatzweise vom Richter festgelegte Vergütung, meist einen Prozentsatz der Jahreserträge. Sie wird nach den Instandhaltungskosten und vor der Ausschüttung entnommen, damit das Gut auch künftigen Generationen Erträge liefert.
Vom Immobilien-Waqf zum Bargeld-Waqf
Schon im Osmanischen Reich verliehen Bargeldstiftungen ihre Mittel, was unter Juristen umstritten war. Heute wird ein Geld-Waqf in konformen Einlagen oder Sukuk angelegt; ausgegeben wird nur der Ertrag, der Ursprungsbetrag bleibt unangetastet, damit die Stiftung fortbesteht.
Einen Geld-Waqf anlegen, ohne das Kapital anzugreifen
Werden 1 Million Euro gestiftet und zu 4 % jährlich angelegt, finanzieren 40.000 Euro pro Jahr Stipendien oder medizinische Versorgung. Der Verwalter muss spekulative Anlagen meiden, eine Instandhaltungsreserve bilden und einen Teil der Erträge gegen Inflation reinvestieren.
Waqf-gestützte Sukuk und Entwicklungsprojekte
Oft brachliegende städtische Waqf-Grundstücke lassen sich mit Sukuk bebauen: Investoren finanzieren den Bau, werden aus den Mieten bedient, danach fällt das Objekt vollständig an den Waqf zurück. Indonesien hat zudem staatliche Sukuk mit Bezug zum Bargeld-Waqf begeben.
Digitale Plattformen und gemeinschaftlicher Waqf
Plattformen ermöglichen heute, wenige Euro in einen gemeinschaftlichen Waqf einzuzahlen, etwa für einen Brunnen oder die Ausstattung einer Schule. Vor einer Spende lohnt der Blick auf die Registrierung der Organisation, die Governance des Fonds und regelmäßige Ertragsberichte.
Spezialisierte externe Quelle
Die AAOIFI listet dort ihre veröffentlichten Standards auf, darunter den Scharia-Standard zum Waqf, der Errichtung, Verwaltung, Anlage des Vermögens und Ertragsverteilung regelt.
